In dieser kalten Winternacht weht der Wind durch die kahlen Äste und Zweige des riesigen, uralten Baumes.

Es ist eine knorrige Eiche, die schon vieles in ihrem Leben gehört und gesehen hat. Kummer und Leid, auch unzählige schöne und fröhliche Tage. Immer wenn ich sie besuche erzählt sie mir eine ihrer spannenden Geschichten.

Dick eingemummelt in eine warme Jacke, mit Handschuhen, Stiefeln, einem dicken Schal um den Hals stapfe ich durch den im Mondlicht blinkenden Schnee. Meine Wangen und meine Nase sind ganz rot gefroren, doch stört es mich nicht. Die Freude, meine Freundin zu sehen erfüllt mich mit Wärme, obwohl mir die Tropfen an der Nase gefrieren.

Ein Winter mit Schnee bis über die Knöchel. Manchmal reicht er fast bis an die Knie und bei jedem Schritt knirscht es und die Atemluft gefriert zu Dampf.

Jetzt ist es nicht mehr weit und schon kann ich ihre Stimme in dieser herrlichen, klaren Nacht hören. Die alte Eiche unterhält sich mit ihren Nachbarn über die weiße Pracht rundherum. So viel Schnee hat der Himmel seit Jahren nicht mehr zur Erde geschickt. Dieses selten gewordene Ereignis wird ausgiebig bejubelt.

Für die Menschen sind die Worte der Bäume nicht zu verstehen. Manche geraten gar in Angst und Schrecken wenn sie die Laute vernehmen. Für ihre Ohren erscheinen sie wie ein Knarren, Knurren, Knirschen und Ächtzen.

Da ich das nicht verstehen konnte, fragte ich bei einem meiner Besuche die Eiche, warum die Menschen derart erschraken. So konnten sie doch die Geschichten der Bäume nicht vernehmen und diese hatten doch so viel zu sagen, zu singen, teilweise auch zu klagen. So erzählte mir die Alte:

"Als die Menschen noch Kinder waren hatten sie weder Angst noch Pein wenn sie zu mir in den Wald kamen. Sie setzten oder legten sich zu meinen Füßen und hörten mit großen, staunenden Augen meinen Geschichten zu. Ich berichtete ihnen von tapferen Rittern, Knappen und Königen. Ein anderes Mal blieb ihnen vor Staunen der Mund offen stehen bei den Erlebnissen von Zwergen, Gnomen und Feen. Ich gab ihnen Auskunft über Gräser, Pilzen und Käfer." Dann folgte ein tiefes Seufzen. Ein Zittern und Schütteln fuhr durch ihr Geäst. Sie bog sich, ganz so als hätte sie Schmerzen.

"Heute ist alles anders. Die Kinder von damals sind groß geworden. Die Erwachsenen haben ihnen gesagt, dass die Bäume nicht mit ihnen sprechen können und auch keine Geschichten erzählen. Sie haben nun selber Kinder. Doch weil sie verlernt haben zu hören und zu verstehen, ist ihnen unsere Sprache und unser Gesang fremd und unangenehm, manchmal sogar unheimlich geworden.

Früher kamen Familien und ganze Schulklassen zu uns, um etwas über den Wald und seine Bewohner zu lernen. Wenn ich ehrlich bin, fühle ich mich auch nicht mehr wohl.

Oft, wenn sie heute kommen, kann ich mein eigenes Wort nicht mehr verstehen. Die Ohren schmerzen mir von dem Krach den sie mitunter machen. Manche von ihnen treten mich, reißen an meinen Zweigen und Blättern. Andere schneiden Muster in meinen Stamm. Das schmerzt gar doll. Sind sie dann endlich wieder gegangen, haben sie ihren Müll dagelassen. Sie haben auch schon unbedacht einfach ein Feuer gemacht und sich nicht mehr darum gekümmert. Da waren wir alle froh, dass unser Bruder, der Regen gerade zufällig vorbeikam und das Feuer ertränkte, bevor es größeren Schaden anrichten konnte.

Nun ja, dass ist nun alles nicht mehr so wichtig für mich. Mich braucht es nicht mehr zu stören das mein Trinkwasser faulig zu schmecken beginnt oder meine Rinde juckt und mir die Blätter schon mitten im Sommer ausgehen...."

"Was meinst Du denn" fragte ich die Eiche. "Dich braucht es nicht mehr zu stören?"

"Geh einmal um meinen Stamm herum. Dann wirst Du es verstehen."

Es dauerte einen Augenblick, bis ich um ihren mächtigen Stamm herumgetreten war. Auf dem Rücken der Eiche befand sich ein Zeichen aus Farbe. Der Schreck fuhr mir in die Glieder. Heiß stiegen Tränen in meinen Augen empor. Ich zitterte, fror.

Jahrhunderte hat sie hier gestanden und nun sollte sie weichen....

Vielleicht wurden aus ihr Möbel gefertigt, Balken für ein Dach oder Papier, dass dann einfach mit irgendwas beschrieben einfach weggeworfen wurde. Ich wollte allen von der Eiche und ihrem Erlebnissen erzählen. Vor allem den Kindern, damit sie wieder lernten den Bäumen und der Natur zu zuhören, auf sie zu achten und sie zu beschützen.

 


Kommentare  

 
0 # 3 Jasmin H-M Jahamo 2015-06-07 20:07
Eine Lesegruppe ist eine wirklich tolle Sache. Danke für die Anregung. :D
 
 
+1 # 2 sandrakorn 2015-06-07 19:58
Ich würde mir wirklich eine Lesegruppe wünschen, um gemeinsam diese schönen Geschichten zu lesen. Danach ein gemeinsamer philosophischer Austausch für Herz und Seele. Liebe ist, was diese Welt dringend benötigt.
 
 
0 # 1 sandrakorn 2015-06-07 19:55
So schön!!
 

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